Wie Lesekompetenzen von Jugendlichen wirksam verbessert werden können
Ergebnisse von ADORE, einer von deutschen Wissenschaftlern geleiteten europäischen Studie
Dieser Beitrag ist abgelaufen: 31. Dezember 2014 00:00
Transnationale Wissenschaftlerteams begutachteten das im Rahmen des Strategischen Ziels 2 im AfL entwickelte Fortbildungskonzept "Lesen macht schlau" sowie seine Umsetzung auf der Ebene der Region. Einigkeit bestand darüber, dass die Qualifizierung von Lehrkräften durch das AfL positive unterrichtliche Effekte in den 3 besuchten hessischen Schulen hervorgebracht hat. Sowohl das Lehrerfortbildungskonzept "Lesen macht schlau" als auch seine Umsetzung durch die im AfL qualifizierten Fortbildner/innen auf der Ebene des Schulamts und der Einzelschule wurden vom Wissenschaftlerteam als modellhaft für die europäische Leseförderung hervorgehoben.
Auch die neuesten PISA-Ergebnisse 2009 bestätigen, dass in der Verbesserung der Lesekompetenzen von Jugendlichen dringender Handlungsbedarf besteht: Bis zum Jahr 2020, so die Zielvorgabe der European Education Benchmarks, sollen weniger als 15 Prozent der europäischen Fünfzehnjährigen zur Risikogruppe der schwachen Leser gehören; aktuell sind es jedoch rund 23 Prozent. Wie dies anspruchsvolle Ziel erreicht werden kann, ist der Gegenstand eines europäischen Forschungsprojektes gewesen, das in den Jahren 2006 bis 2009 unter Beteiligung von Experten aus 11 europäischen Ländern durchgeführt wurde: „ADORE - Teaching Struggling ADOlescent REaders. A Comparative Study of Good Practice in European Countries“ (Leitung: Prof. Dr. Christine Garbe, Universität zu Köln, Dr. Karl Holle und Prof. Dr. Swantje Weinhold, beide Leuphana Universität Lüneburg).
Auf Einladung des Konsortiums nahm, neben Wissenschaftlerinnen aus 11 europäischen Universitäten und Lehrerbildungsinstituten, auch ein Team des AfL-Dezernats Fortbildung/Unterrichtsentwicklung an dieser Studie teil. Transnationale Wissenschaftlerteams begutachteten das im Rahmen des Strategischen Ziels 2 im AfL entwickelte Fortbildungskonzept "Lesen macht schlau" sowie seine Umsetzung auf der Ebene der Region. Einigkeit bestand darüber, dass die Qualifizierung von Lehrkräften durch das AfL positive unterrichtliche Effekte in den 3 besuchten hessischen Schulen hervorgebracht hat. Sowohl das Lehrerfortbildungskonzept "Lesen macht schlau" als auch seine Umsetzung durch die im AfL qualifizierten Fortbildner/innen auf der Ebene des Schulamts und der Einzelschule wurden vom Wissenschaftlerteam als modellhaft für die europäische Leseförderunghervorgehoben. In einem ihrer Beiträge zum Projektbericht für die Europ.Kommission (soeben bei Peter Lang erschienen) stellt Dorothee Gaile (Leiterin des AfL-Teams) die Gelingensbedingungen für einen kompetenzorientierten Leseunterricht in allen textbasierten Fächern dar. Ein innovatives Prozessmodell des Lehrens und Lernens wird durch vielfältige Blicke in europäische Klassenzimmer verdeutlicht. Ein weiteres Kapitel von D. Gaile ist einer Bestandsaufnahme sowie einer Perspektive zur Frage der Rolle von Leseförderung in der europäischen Lehrerbildung gewidmet.
ADORE untersuchte Best-Practice-Modelle schulischen Leseunterrichts in den Sekundarstufen in allen Teilen Europas. Das PISA-Siegerland Finnland (Risikoschüler lt. PISA 2006: 4,8 %) war ebenso vertreten wie das europäische PISA-Schlusslicht Rumänien (Risikoschüler lt. PISA 2006: 53 %). Als Ergebnis umfangreicher Erhebungen qualitativer Daten und Studien vor Ort hat das ADORE-Konsortium nun eine Publikation vorgelegt, in der 13 Schlüssel-Elemente guter Praxis in Unterricht, Schulprogrammen und Bildungspolitik definiert und an Beispielen veranschaulicht werden. Eine 18-seitige Zusammenfassung dieser Ergebnisse („Executive Summary“) ist in deutscher und englischer Sprache auf der Projekt-Homepage verfügbar: www.adore-project.eu. Ferner wurde als ein Ergebnis des Projektes ein internationales „Adolescent Literacy Network“ gegründet, dessen Aktivitäten auf der homepage www.alinet.eu dokumentiert werden.
Das ADORE-Buch [1] versteht sich als Leitfaden für Bildungspolitiker, Entscheidungsträger, Schulleitungen und Lehrerkollegien, die den Leseunterricht für die PISA-Risikogruppe (und damit zugleich für alle Schüler/innen) nachhaltig und effektiv verbessern wollen.
Die zentralen Botschaften des ADORE-Projektes sind:
- Leseförderung ist eine Aufgabe aller Unterrichtsfächer in allen Klassenstufen während der gesamten Schulzeit.
- Leseförderung muss auf die gesamte Schülerpersönlichkeit zielen; isolierte Leseanimation oder Trainingsprogramme greifen zu kurz. Entscheidend ist die Veränderung des lese- und lernbezogenen Selbstbildes der schwachen Leser. Erst wenn diese durch entsprechende positive Erfahrungen die Zuversicht gewonnen haben, dass sie Texte lesen und verstehen können, werden sie diese auch lesen wollen. Der Aufbau eines positiven Lese-Selbstkonzeptes ist darum das oberste Ziel aller Maßnahmen zur Leseförderung und das Herzstück der ADORE-Philosophie.
- Bildungssysteme, denen das Prinzip der Förderung zugrunde liegt („supportive systems“), weisen einen weitaus effektiveren Leseunterricht auf als Bildungssysteme, die auf dem Leistungs- und Selektionsprinzip basieren („selective systems“). Deutschland gehört bislang zu den Ländern, deren Bildungssystem besonders selektiv und wenig unterstützend ist.
- Wenn Lehrkräfte aller Fächer die schwachen Lerner im Lesen gezielt fördern sollen, brauchen sie zunächst selbst Unterstützung: durch eine qualifizierte Ausbildung und Fortbildung, durch entsprechende Schulprogramme und engagierte Schulleitungen, durch multiprofessionelle Unterstützungsteams in den Schulen (Schulpsychologen, Lese-Experten, Sozialarbeiter etc.), durch Wissenschaftler, die eine praxisrelevante Forschung und Wissenstransfer betreiben, durch Kommunen und vor allem durch eine Bildungspolitik, die angemessene rechtliche und finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellt.
- Die Leseschwäche von Jugendlichen kann nur durch einen qualitativ hochwertigen Unterricht effektiv bearbeitet werden: Die Veränderung von Unterricht ist darum das Hauptanliegen der ADORE-Studie. Der ADORE Reading Instruction Cycle stellt eine Alternative zum herkömmlichen Unterricht vor: Seine grundlegenden Prinzipien sind (a) die kontinuierliche Diagnose der Schülerfähigkeiten als Ausgangspunkt der Planung von Lernprozessen sowie (b) die Einbeziehung der Schüler/innen in die Definition von Lernzielen, die Auswahl von Lesestoffen und die Erarbeitung von Lesestrategien sowie in die Überprüfung der eigenen Erfolge. Die Lehrkraft agiert dabei als „kompetenter Anderer“, der die Lernenden in die „Zone ihrer nächsten Entwicklung“ (Vygotsky) begleitet, sie berät und unterstützt, aber auch bis zu ihren Leistungsgrenzen herausfordert.
- Der wichtigste Erfolgsfaktor einer im Unterricht kontinuierlich realisierten Leseförderung ist eine hoch entwickelte Expertise von Lehrkräften, die in der Lehrerausbildung und einer regelmäßigen Fortbildung gesichert werden muss. Heutzutage verfügen selbst Deutschlehrkräfte in der Regel nur über unzureichende Kenntnisse einer inzwischen hoch entwickelten Lesedidaktik, Lehrkräfte anderer Fächer meist über gar keine. Eine systematische Lehrerfortbildung zur Gestaltung eines guten (fachspezifischen) Leseunterrichts ist darum eine der dringendsten weiteren Aufgaben der Bildungspolitik. Um dieses Desiderat zu bearbeiten, haben Christine Garbe und Karl Holle bereits ein neues EU-Projekt eingeworben: In BaCuLit [2] wird es darum gehen, ein modularisiertes Kerncurriculum zur fächerübergreifenden Lehrerfortbildung in der Lesedidaktik für Europa zu erarbeiten. An diesem Projekt sind 8 europäische Länder und zwei US-Experten beteiligt; es startet im Januar 2011.
Weitere Informationen unter: www.adore-project.eu. Unter „downloads“ findet sich dort auch folgender Artikel, in dem die Ergebnisse des ADORE-Projektes ausführlicher beschrieben werden:
Christine Garbe, Martin Groß, Karl Holle, Swantje Weinhold: „Blick über den Zaun: Leseförderung in Europa. Ergebnisse und Einsichten aus dem EU-Projekt ADORE“. Erschienen in: Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus / Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Hrsg.): ProLesen. Auf dem Weg zur Leseschule. Leseförderung in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern. Aufsätze und Materialien aus dem KMK-Projekt „ProLesen“. Donauwörth: Auer Verlag 2010
Ansprechpartner: Dorothee Gaile
[1] Garbe, Christine; Holle, Karl; Weinhold, Swantje (Eds.) (2010): Teaching Struggling Adolescent Readers in European Countries. Key Elements of Good Practice. Frankfurt/M. u.a.: Peter Lang
[2] “Basic Curriculum for Teachers' In-service Training in Content Area Literacy in Secondary Schools”, Comenius Multilateral Projects, nähere Informationen siehe www.baculit.eu

